Lange Zeit habe ich geglaubt, das Prokrastination Nichtstun bedeutet, Untätig herumsitzen, endlos scrollen oder auf einen leeren Bildschirm starren, während mir die Zeit davon rinnt. Für mich ist das aber irgendwie anders. Ich lebe mit ständiger Anxiety, bin immer in Bewegung, immer am Tun. Die Idee, Dinge aufzuschieben, erschien mir fremd, weil ich immer beschäftigt war und ständig Dinge von irgendwelchen Listen strich. Doch dann wurde mir etwas klar, das meine Perspektive völlig veränderte: Prokrastination bedeutet nicht nur Nichtstun – es bedeutet auch, alles zu tun, außer das, was wirklich wichtig ist.
Es klingt banal, aber irgendwie hatte ich nie wirklich den Zusammenhang gesehen. Ich redete mir ein, ich würde nicht prokrastinieren, weil ich ja produktiv war. Ich beantwortete E-Mails, organisierte meinen Arbeitsplatz neu, erledigte kleine Aufgaben, die mir das Gefühl gaben, etwas erreicht zu haben. Aber tief im Inneren wusste ich, dass ich der eigentlichen Arbeit aus dem Weg ging, den Aufgaben, die wirklich wichtig waren. Die Aufgaben, die Konzentration, Energie und, ehrlich gesagt, ein Maß an emotionalem Engagement erforderten, das ich nicht immer aufbringen konnte.
Diese Art des Aufschiebens – getarnt als Produktivität – kann dabei sogar noch schädlicher sein als Nichtstun. Wenn wir uns bewusst sind, dass wir im herkömmlichen Sinne prokrastinieren, erkennen wir zumindest, dass wir etwas vermeiden. Doch wenn wir unsere Zeit mit endlosen kleinen Aufgaben füllen, täuschen wir uns selbst vor, produktiv zu sein, obwohl wir nur das vermeiden, was wirklich getan werden muss. Das erzeugt ein falsches Erfolgsgefühl, während die wichtigsten Dinge unerledigt bleiben.
Prokrastination in all ihren Formen wurzelt wie so oft in Angst – Angst vor dem Versagen, Angst vor Unvollkommenheit, Angst vor der Konfrontation mit schwierigen Emotionen. Unser Gehirn sucht nach Komfort und Kontrolle, deshalb wählen wir Aufgaben, die uns machbar erscheinen und uns sofortige Befriedigung verschaffen, anstatt solche, die uns wirklich voranbringen. Es ist ein Bewältigungsmechanismus, der den Fortschritt jedoch stillschweigend sabotieren kann.
Und hier liegt die wirkliche Gefahr: Ständiges Tun kann genauso anstrengend sein wie Nichtstun, wenn nicht noch schlimmer. Es raubt mentale Energie, lenkt die Konzentration ab und erzeugt die Illusion von Bewegung, führt aber nirgendwo hin. Es schürt Ängste, anstatt sie zu lindern, denn am Ende des Tages lasten die wichtigen Aufgaben immer noch auf uns. Die Last verschwindet nicht – sie verlagert sich nur und wird mit der Zeit immer schwerer.
Es ist fast schon lustig, wie leicht sich der Verstand selbst täuscht. Beschäftigt zu sein wurde zu meinem Schutzschild, meiner Ausrede. Wie konnte ich Dinge aufschieben, wenn ich ständig etwas tat? Aber beschäftigt zu sein ist nicht gleichbedeutend mit Fortschritt. Meinen Tag mit kleineren, überschaubaren Aufgaben zu füllen, brachte mich nicht dorthin, wo es wirklich zählte. Es hielt mich nur in Bewegung und kreiste um die Dinge, die ich wirklich erledigen musste.
Diese Erkenntnis war unangenehm. Sie zwang mich zu der Einsicht, dass meine Vorstellung von Produktivität mir nicht immer dienlich war. Manchmal ist es nicht der Anfang, sondern das Richtige. Und nur weil ich ständig etwas tat, hieß das nicht, dass ich wirklich vorankam.
Wie bei fast jedem endet Prokrastination, wenn eine Deadline näher rückt und wir dann in einen Zustand extremen Stresses geraten. Manchmal trickse ich mich selbst aus, indem ich Deadlines vorverschiebe oder an manchen Tagen nur diese eine wichtige Sache plane und sonst nichts, um mich dazu zu zwingen, sie endlich zu erledigen. Das hat in manchen Situationen Wunder gewirkt. Aber ehrlich gesagt bin ich immer noch ein verdammter Spezialist darin, meinen Tag mit den weniger wichtigen Dingen vollzustopfen. Ich wünschte ich hätte eine Meisterlösung parat. Aber vielleicht bist du ja schon weiter, dann verrate uns doch bitte, wie du dieses verdammte Muster durchschaut hast?
xx baj.